Ein kleiner Pikser, der Leben retten kann....

Die einen werden bei seinem Anblick ohnmächtig, die anderen gewissermaßen damit wieder zum Leben erweckt. Blut, jene Flüssigkeit, von der der Mensch durchschnittlich fünf bis sechs Liter in seinen Adern hat. In ungezählten Fällen retten Blutkonserven Leben, werden Blutspender zu anonymen Lebensrettern. Das Deutsche Rote Kreuz hat ein ausgeklügeltes System entwickelt, nach dem der gespendete "Lebenssaft" gesammelt, konserviert und verteilt wird. Eines stellen die Verantwortlichen beim DRK allerdings klar: Geld will mit dem Blutspenden niemand verdienen.
Der Blick wandert durchs Krankenzimmer. Steril und nüchtern die Wände, funktional die Ausstattung, nur das Piepsen des EKG unterbricht in fragwürdiger Monotonie. Zeit nachzudenken. Noch vor wenigen Tagen war Bernhard W. ein Mann "voll aus dem Leben". Einer von denen auf der Sonnenseite des Lebens, denen nie etwas passiert.
Eine Illusion, die in wenigen Sekunden auf der linken Autobahnspur nach Bruchsal von der Realität überholt wurde. Ein Schreck, Bremsen quitschen - ohne kurzes ohrenbetäubendes Krachen! Und jetzt liegt der Erfolgsmensch auf der Intensivstation und weiß, daß er sein (Über-) Leben ausschließlich anderen zu verdanken hat.
Natürlich dem Ärzteteam, zuerst im Rettungswagen und dann im OP. Bei denen will sich Bernhard W. auch herzlich bedanken, wenn alles vorüber ist. Doch seine wahren Lebensretter wird er niemals kennenlernen. Sie bleiben in der anonymen Masse derer, die ohne jeden Eigennutz beim Dienst am Menschen Maßstäbe setzen: die Frauen und Männer, die regelmäßig beim Deutschen Roten Kreuz ihr Blut spenden.
Aus freien Stücken und unentgeltlich waren es exakt 808.714 Frauen und Männer in Baden-Württemberg, die 2001zum freiwilligen Aderlass antraten. Kaum einer von ihnen denkt dabei an konkrete Unfallopfer, aber alle wissen, daß ihr Blut in die richtigen Kanäle fließen wird. Das garantiert der DRK-Blutspendedienst.
Zum Beispiel im Institut mit Sitz in Baden-Baden. Dort sorgen 200 Spezialisten in einem 24-Stunden-Service dafür, dass 200 Krankenhäuser ausreichend mit Blutkonserven versorgt sind. Das Blut wird - und da nimmt Thomas Herzfeld, der Breitscheider Öffentlichkeitsbeauftragte, kein Blatt vor dem Mund - verkauft. 115 Mark kassiert das Institut für ein Konzentrat roter Blutkörperchen.
Und das, obwohl die Spender ihr Blut kostenlos zur Verfügung stellen? "Nicht das Geld, sondern die Hilfsbereitschaft muß Triebfeder für die Spendebereitschaft sein. Das eingenommen Geld dürfen wir selbstverständlich nur für Zwecke ausgeben, die direkt mit dem Blutspenden zusammenhängen. Den DRK-Ortsvereinen können wir lediglich die Kosten erstatten, die bei den Spendeterminen vor Ort entstehen", versichert Herzfeld.
Immerhin ist der Spendedienst als gemeinnützige Einrichtigjung in der Lage, sich selber zu tragen. Vor den unabhängigen Wirtschaftsprüfern und Vertretern der Landesregierung, die in Breitscheid regelmäßig auf der Matte stehen, hat man keine Angst. Ganz abgesehen davon, daß der Blutspendedienst kaum ein Spendelokal kostenlos zur Verfügung gestellt bekommt, macht ein Blick ins Zentrum in Ratingen schnell klar, daß das Geld im Sinne der Bürger bestens investiert ist. Eine bemerkenswerte Logistik sorgt dafür, daß aus den Spenden, die im ganzen Land eingesammelt werden, ein lebensrettendes Elixier entsteht. Auf Kühlplatten kommt das kostbare Gut in der Warenannahme an und wird per EDV peinlich genau registriert.
Dann folgt die Untersuchung, den "Sicherheit" ist der Leitfaden, an dem sich alle weiteren Schritte orientieren. Akribisch wird jede einzelne Spende auf HIV, Hepatitis B und C, Syphilis, schlechte Leberwerte, Blutgruppen-Antikörper sowie Blutgruppen und Rhesus-Faktoren untersucht. Ein Service, der gleichermaßen Spender wie potentielle Empfänger schützt. Bei positivem Befund wird die Konserve ohne Wenn und Aber vernichtet.
Anschließend wird die Spende zerlegt: in Rote Blutkörperchen, in Plasma und Blutplättchen. Und jeder Patient soll soll nur den Teil injiziert bekommen, der ihm fehlt. Ganz abgesehen davon, daß die Bestandteile unterschiedlich lange Haltbarkeiten haben.
900 bis 1.200 Spenden können täglich "verarbeitet" werden. Wozu auch ein aufwendiges Dokumentationssystem gehört. Selbst nach 30 Jahren ist der Werdegang jeder einzelnen Spende rekonstruierbar, was die Rechtssicherheit aller Beteiligten erhöht. Eine Entnahmestation existiert natürlich auch in Breitscheid selbst. In Kühlschränken warten die Konserven dann auf ihren lebensrettenden Einsatz. Entweder über die turnusmäßigen Verteilfahrten oder per Direkt-Abruf im Notfall.
So glatt die Organisation auch läuft, nie wird sich ein Blutspendedienst aus seiner ihm eigenen Abhängigkeit lösen können: von der Spendebereitschaft der Menschen. Wären die Durlacher allerdings auf dem Zustrom aus Karlsruhe angewiesen, sie säßen sozusagen auf dem Trockenen. Gerade mal ein Prozent der hiesigen Großstadt traut sich an die Nadel, womit die Stadt mit den beiden "A" am Namensanfang landesweit in der Spendebereitschaft ganz am Ende rangiert. "Dabei merkt man den Pikser kaum", macht Anke W. vom DRK Ortsverein Durlach e.V. Mut.Die ganze Prozedur inklusive Anmeldung, diverser Messungen und Untersuchungen, Ausfüllen des Spenderpasses bis hin zur Blutabgabe dauert deutlich weniger als eine Fußballhalbzeit.
Und dennoch kommt eine runde Sache dabei heraus. Angst vor gesundheitlichen Schäden sind absolut unbegründet. Erstens werden nur gesunde Menschen "angezapft" und zweitens haben Studien erwiesen, daß neugebildetes Blut cholesterinfrei ist, die Abwehrkräfte aktiviert und das Herzinfarktrisiko senkt. Bis zu vier mal pro Jahr kann der gesunde Mensch risikolos Blut spenden. In erster Linie profitiert jedes Unfallopfer von der Spendebereitschaft. Der Spender selbst kann hoch erhobenen Hauptes von sich sagen, seinen Teil zu einer solidarischen Gesellschaft geleistet zu haben. Jeder von ihnen ist garantiert ein Lebensretter.